Kiel - Um 10.25 Uhr macht die «Esperanza» (Hoffnung) am Donnerstag an der Pier im Kieler Hafen fest. Das Greenpeace-Schiff mit den markanten Regenbogenfarben am Bug und dem Schriftzug «Defending Our Oceans» (Schützt unsere Meere) ist zurück von einer dreimonatigen, bislang einzigartigen wissenschaftlichen Expedition in der Arktis. Doch die Botschaft von Umweltschützern und Wissenschaftlern ist alles andere als hoffnungsfroh. Die Meere «versauern» zunehmend durch die hohe Kohlendioxid-Belastung.
Was ist unter der Ozeanversauerung zu verstehen?
Durch den hohen Kohlendioxid-Ausstoß gelangt immer mehr von dem Treibhausgas ins Meer. Die Folge: Im Wasser ist immer weniger Kalziumkarbonat. Dies ist aber wichtig für die Kalkbildung von Pflanzen und Tieren. Stark betroffen sind alle kalkbildenden Organismen. Dazu gehören Korallen, Muscheln, Seeigel oder Schnecken und auch das Plankton - also die Basis der Nahrungskette. «Skelette von Tieren werden durch das langsamere Wachstum brüchiger, Muschelwände sind dünner als bisher», beschrieb die Greenpeace-Biologin Iris Menn die negativen Folgen.
«Für uns stellt sich die Frage, ob möglicherweise die Nahrungskette an irgendeinem Glied zusammenbrechen könnte», sagte Prof. Ulf Riebesell vom Kieler Leibniz-Institut für Meereswissenschaften IFM-Geomar am Donnerstag. Der Wissenschaftler leitet das Forschungsprojekt mit 35 Experten aus zwölf europäischen Instituten. Auch Greenpeace war beteiligt und kartierte im Rahmen der Expedition außerdem 3000 Quadratkilometer des arktischen Meeresbodens nördlich von Spitzbergen, wie Menn berichtete.
«Erstmals untersuchen wir das gesamte Ökosystem Arktis auf die Folgen der Versauerung», sagte Riebesell. In der Vergangenheit habe man lediglich einzelne Organismen im Labor erforscht. Jetzt wurden in der Arktis in neun 17 Meter langen Mesokosmen - den «größten Reagenzgläsern der Welt» - jeweils etwa 55 000 Liter als Wassersäule gesammelt und unterschiedlich hohe Kohlendioxid-Konzentrationen dazugegeben. «Wir haben Bedingungen simuliert, wie sie in 20, 40 oder 60 Jahren und weiter in der Zukunft zu erwarten sind, wenn die Emissionen im bisherigen Maße fortschreiten.»
Die Meere stehen vor einem großen Wandel. Mindestens seit 20 Millionen Jahren seien die Ozeane übersättigt gewesen mit Kalk, sagte Riebesell. Durch die Ozeanversauerung werde in den nächsten zehn Jahren in einigen Teilen der Arktis und bis 2050 die Hälfte der Arktis aber unter Kalkmangel leiden - mit den entsprechenden Folgen fürs Ökosystem. So sei absehbar, dass in 30 oder 40 Jahren das Wachstum der Korallen geringer ausfallen werde als ihre Erosion. Im Klartext: Die Korallen vergehen schneller als sie nachwachsen können.
Warum wurde das Arktis als erstes Meer für das Forschungsprojekt ausgewählt? «Weil es zeitlich am schnellsten und am härtesten betroffen ist, denn im kalten Wasser löst sich CO2 schneller», erklärte Riebesell. In Kiel wurden «die Mesokosmen von Bord der «Esperanza» in eine Halle des IFM-Geomar gebracht. Die beteiligten Institute in ganz Europa erhalten Proben und werden diese auswerten. Im Dezember kommen alle Forscher nach Kiel, um ihre Messeergebnisse vorzustellen. Im April 2011 in Wien wird sich eine Sektion der European Geosciences Union (EGU) mit dem Thema befassen.
Von Matthias Hoenig, dpa
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